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Vegan Ökologisch Politisch

Dieser Text ist Teil des Buchprojektes zu Speziesismus und Herrschaft.

Vegan - ökologisch - politisch

von Jörg Bergstedt

Jede Konsumentscheidung hat Wirkungen. Aber nicht jede die gleichen. Jeder Blick auf die Wirkungen des eigenen Handelns fördert interessantes Wissen zutage. Wer nicht hinguckt, hinterlässt trotzdem eine weitverzweigte Spur auf dem Planten. Wer nur oberflächlich hinschaut, entdeckt nur wenig davon. Denn Leben ist komplex, Wirkungsketten im Gefüge der Welt, in der Gesellschaft und in den ökologischen Systemen zwischen Mensch und Umwelt weitverzweigt. Der Mensch hat die Freiheit zu entscheiden, viel oder wenig davon mitzubekommen - und zu beeinflussen.

Vegane Ernährung ist der Verzicht auf den Konsum tierischer Produkte. Allerdings fällt auf, dass vielfach der Blick nur oberflächlich bleibt - beschränkt auf die erste Wirkungsstufe. Betrachtet wird dabei nur die direkte Linie: Stammt ein Produkt vom vorher lebenden Tier, so ist es nicht vegan und wird nicht konsumiert. Stammt es nicht von einem vorher lebenden Tier, so kann es bedenkenlos konsumiert werden -politisch korrekt.
Allerdings: Die Begrenzung auf diese direkte Wirkung ist willkürlich und binär, d.h. er erfasst nur einen Punkt und teilt dort nur in "ja" und "nein", in A und Nicht-A, hier: vegan und nicht-vegan. Wer aber nur darauf achtet, übersieht viele der komplexen Folgen jeglicher Konsumentscheidung. Stattdessen ist das Ergebnis mehr Einbildung als Analyse. Sprich: Der gewünschte Freispruch von aller Schuld wird erreicht, die Wahrnehmung fällt nur noch auf das Naheliegende. Doch leider gibt es schlechte Nachrichten: Würde der Blick auf die komplexen einschließlich der indirekten Wirkungen von Konsum gerichtet, würde das Ergebnis anders ausfallen. Plötzlich würden dann auch viele pflanzliche Produkte nicht mehr vegan sein. So mancheR VeganerIn würde geschockt erstarren ob der Folgen des eigenen Tuns - auch für Tiere. Bislang schützt die verkürzte Theorie vieler veganer Denklogiken die meisten vor zuviel Erkenntnis und lässt sie sich selbst als oberradikale Richtiglebende in einem Meer von Falschlebenden erleben. Dieser Text soll damit Schluss machen. Dabei geht es nicht um eine Absage an veganes Leben, ganz im Gegenteil. Aber ich will dafür werben, das Hirn mehr zu fordern als nur mit einem oberflächlichen Blick auf einen Aspekt des Konsums. Der Kopf kann mehr - und muss mehr hinbekommen, soll nicht «Go vegan» nur die übliche Phase von ein paar Jahren voller Sturm und Drang sein, bis der Enthusiasmus verkürzter Radikalität der Aufgabe jeglichen Idealismus wieder weicht. Wenn der Kopf sich nicht im Laufe der Zeit immer mehr Ecken und Hintertürchen komplexen Denkens nähert, wird die Rückumstellung nicht allzu anstrengend, denn Weggucken und Nicht-Hinterfragen sind Fähigkeiten, die auch im bürgerlichen Leben ganz nützlich sind, um innerhalb der hochkonkurrenten Leistungs- und Dominanzgesellschaft gut durchzukommen. Insofern ist der Appell an ein politisches statt binäres Denken auch ein Versuch, das Politische im «Go vegan» zu stärken und Konsum insgesamt zu einer Kampffläche von gesellschaftlicher Veränderung zu erklären. Ich will mehr als dass nur die auffälligsten Formen von Tierleid beendet werden, während Milliarden anderer Tiere, zudem Pflanzen und Ökosysteme sowie, besonders dramatisch, der Mensch und seine Befreiung irgendwo im Nebel verschwinden. Üben wir also den komplexen Blick, die verzweigte Analyse ...

Der ökologische Blick

Gegenüber der auf nur direkte Wirkungen beschränkten üblichen Sichtweise veganen Denkens (Ausnahmen gibt es aber!) ist ökologisches Denken bereits außerordentlich komplex. Die Wirkungsgefüge in der Natur sind hochverästelt. Eingriffe an einer Stelle oder in einen Stoffkreislauf haben meist eine kaum vorstellbare Wirkungsfülle. Denn an jedem Ort in der Natur leben Arten - meist sehr viele Tier- und Pflanzenarten plus diesen Kategorien nicht zugeordneter Lebewesen wie Pilze, Einzeller usw.
Beachten wir nun bei Lebensmittel und den Wirkungen ihres Konsums nur auf die direkt «genutzten» Tiere, nehmen wir eine völlig willkürliche Einschränkung vor, die bereits eine dramatische Verkürzung darstellt, denn viele weitere Tiere, alle Pflanzen, Stoffkreisläufe wie Wasser, Sauerstoff oder das Klima werden dadurch von uns völlig aus unserem Blickfeld gedrängt.

  • Fleisch: Für das Lebensmittel Fleisch werden in der Regel Tiere in Gefangenschaft gehalten und getötet. Bei der Jagd mindestens auch letzteres. Leid ist in der Haltung und beim Akt des Tötens aber kaum vermeidbar. Die Kritiklinie der VeganerInnen, in diesem Fall auch vieler VegetarierInnen und TierschützerInnen sticht. Und doch geraten wir schon hier ins Schwimmen, wenn wir deshalb das Ende der Tierhaltung fordern: Was würde der Laubfrosch sagen, der sich ausbreiten konnte, weil für die Tierhaltung Wiesen und Weiden angelegt wurden? Und mit ihm Tausende von Insektenarten, der Storch, die Wiesenweihe ...? Nicht nur die Tierhaltung ist ein Schlag gegen Tiere, sondern auch deren Ende. Paradox, aber so komplex ist die Welt.
  • Milchprodukte, Eier, Wolle & Co.: Um solche Produkte zu essen, müssen die Tiere, die Milch geben oder Eier legen zwar nicht getötet, aber in Gefangenschaft gehalten oder zumindest zum Melken oder Scheren gefangen werden. Außerdem gibt es Milch und Eier nur, wenn auch immer wieder neue Tiere geboren werden. Die männliche Hälfte aber ist nicht «brauchbar» - muss also getötet werden (wenn es nicht irgendwann mal riesige Mengen geben soll). Hier sticht die Kritik der VeganerInnen an vielen VegetarierInnen. Für vegetarische Produkte werden zwar direkt keine Tiere getötet, aber es müssen die nicht «brauchbaren» Tiere vernichtet werden. Das ist einmal um die Ecke gedacht - immerhin schon mal was. Seltsamerweise haben die meisten VeganerInnen diesen Kniff geschafft, wo es für ihre Ideologie nützlich war. Sie können es also doch. Dann sollten auch die nächsten Ecken bezwungen werden können.
  • Pflanzen: Nehmen wir zur Vereinfachung ein Beispiel heraus: Erbsen. Die gelten als vegan. Kein Tier wird geschlachtet. Kein Tier in Gefangenschaft gehalten. Gut - der Acker wird dann wohl mit Kunstdünger gedüngt (weil Stallmist ja fehlt). Die Öl- und Chemieindustrie interessiert offenbar. Nehmen wir die angesichts der Umweltauswirkungen gerade dieser Industrien fatale Ausblendung mal hin und schauen uns näher auf dem Acker um: Mit der Ernte der Erbsen klappt es ohne Eingriffe der LandwirtInnen nicht. Käfer- und Schmetterlingslarven würden die Pflanzen und Früchte gnadenlos auffuttern. Mäuse, Hamster und mehr knabbern an ihnen herum. Dagegen muss etwas getan werden. Schauen wir in das Horrorkabinett konventioneller Landwirtschaft, das bei allen Produkten aus den Regalen von Aldi, Lidl & Co. immer dahintersteht: Häutungshemmer, d.h. die Insektenlarven können sich nicht mehr häuten. Sie wachsen aber trotzdem und verrecken elendig am wachsenden Innendruck. Sie zermatschen sich quasi selbst. Und zwar zählbar in Millionen Stück. Dann wären da noch Blutgerinnungshemmer im Angebot, z.B. für Nagetiere. Wenn sich kleine Tiere verletzten, laufen sie langsam aus, die Wunde heilt nicht mehr. Ein langsamer Tod, tausendfach. Das sind nur zwei Beispiele für das Grauen auf dem Erbsenfeld. Nicht genannt sind Krankheitserreger oder Gifte, die Nerven- oder Herzversagen auslösen. Die meisten VeganerInnen ahnen davon nichts, Sie reden von der Gleichberechtigung aller Lebewesen, fressen das Zeux vom Massengrab "Acker" und bleiben bei den Parolen ihres unglaublich tollen Engagement für die armen Tiere ...
  • Na gut - es gibt noch die biologische Landwirtschaft, vielleicht eine Rettung. Zwar ist das bereits selten, denn die meisten vegan Lebenden stehen mehr auf Aldi und anderen Billigfraß, aber es gibt Ausnahmen und außerdem wollen wir ja genau sein. Die Erbsen ohne die genannten Chemikalien also. Irgendwas gegen die Konkurrenten aus dem Tierreich findet sich aber auch auf den Äckern der ÖkolandwirtInnen, z.B. per Flamme einmal über den Boden (yeah, Gegrilltes - die Zahl der erfassten Tiere kann mensch nur vage schätzen) oder per biologischen Spritzmitteln mit teilweise ähnlichen Wirkungen auf die Organismen (Nervengifte, Krankheitserreger ...). Der Boden wird gepflügt oder zumindest geeggt, gelockert, gestriegelt oder gewalzt - Hunderte von Nagern und ihre Bauten werden zerlegt. Die Halme, wichtige Winterquartiere von Larven, werden als Einstreu in Ställe geschleppt (huch, schon wieder eine Ecke, da taucht plötzlich die Tierhaltung auf - stimmt: Mischbetriebe gelten als normal im ökologischen Landbau, d.h. also, dass Ökoäcker immer mit Tierhaltung verbunden sind - wie Milchprodukte mit dem Schlachten). Im anderen Fall werden sie untergepflügt, auch nicht besser. Wieder millionenfacher Tod. Besondere Vorzeigebetriebe setzen sanfte Technologien ein, z.B. das Töten von Kartoffelkäfern durch Zerdrücken per Hand auf den Äckern. Was bitte? Das ist ja wie ... iihh, wie der Bolzenschuss auf die Kuh im Schlachthof. Tja, diesmal aber betrifft es das Gemüse vom Bio-Bauern. Gibt es denn keinen Ausweg?
  • Nein, sondern es kommt noch dicker. Wir bauen noch eine Ecke ein. Selbst wenn das bisher genannte irgendwie anders machtbar wäre (was in Sachen Agrotechnik erst noch erfunden werden müsste), ist es die Entscheidung des Menschen, was auf einer Fläche stattfindet. Das wird (auch) gesteuert über den Konsum bzw. das Bedürfnis nach Nahrung. Wo ein Acker ist, gibt es kein artenreiches Biotop mehr. Fertig - aus! Diese Logik ist nicht zu überwinden. Es ist immer der Mensch, der entscheidet, wer wo leben kann. Davon profitieren sogar manche Tiere (und Pflanzenarten auch). Die Verwandlung der von Wald geprägten Landschaft in Mitteleuropa in eine Kulturlandschaft mit Äckern, Wiesen, Weiden, Kies-, Kalk- und Eisenerzgruben, Ställe und Häuser, Gärten und Wegraine, Hecken und Röhrichte hat die Artenvielfalt erheblich erhöht. Es wanderten etliche Arten ein, die vorher im Wald nicht überleben konnten. Aber es gibt eine schlechte Nachricht für VeganerInnen: Das meiste davon ist der Tierhaltung und -nutzung geschuldet. Hecken, Wiesen, Weiden, die Lüneburger Heide und viele Halbtrockenrasen, Almen und offene Niedermoore - all das entstand durch die Tiernutzung und wäre weg, wenn veganes Leben sich durchsetzen würde. Mit den Lebensräumen verließen Störche, viele Frösche, Schmetterlinge, Libellen und unzählige weitere Arten (auch die meisten Pflanzen) das Land. Niemand muss diese Arten wollen, aber das alles gar nicht zu durchdenken - das ist das, was vielen VeganerInnen deutlich vorgehalten werden muss.
  • O.K. Machen wir einen weiteren Haken und die Lage scheinbar noch aussichtsloser. Es gibt die Fruganer, die futtern nur, was in der Natur von selbst als Nahrung entsteht, z.B. herunterfallende Äpfel oder Brombeeren. Nicht alle sind so platt wie das Paradeexemplar binären Denkens, dass auf die Frage, wie es denn im Winter mit der Nahrung laufen würde, auf Bananen verwies. Und dann auf die erstaunte Nachfrage, dass die aber dann anderen Menschen weggenommen werden müssen, die Antwort parat hatte: «Man kann nicht alle Probleme auf mal lösen». Na gut. Treiben wir das komplexe Denken weiter: Ökologie ist unbegrenzt, alles ist komplex und in prozesshafte Stoffsysteme eingebunden. Der Apfel ist voller Leben und potentielles Leben - nicht nur für den nächsten Apfelbaum, sondern auch für andere Tiere. Außerdem hilft es sowieso nichts: Die Obstwiesen würden verschwinden, wenn darunter nicht Äcker, Wiesen und Weiden erhalten würden. Besonders artenreich sind Wiesen (gemähtes Grünland) und Weiden (wo Tiere draufstehen) unter den Obstbäumen. Aber wofür sind die wohl da?
  • Geben wir auf und machen den politischen Salto mortale: Wenn menschliches Handeln ständig hochkomplexe, kaum überschaubare Wirkungen hat, kann dann vom Handeln her gedacht werden? Welches Handeln erhöht die Kontrolle über die Auswirkungen? Wer Geld in einen Konsum- und Produktionskreislauf hineinwirft, hat eigentlich keine realistische Chance mehr, die Wirkung des eigenen Handelns zu steuern. Ob nicht ein Schlachthof gerade deshalb noch rentabel arbeitet und folglich aufrechterhalten wird, weil in der Produktionsstraße "Würstchen" jeden Dienstagsnachmittag auch zwei Stunden Sojaprodukte für Vegan- und Gesundheitsfans hergestellt werden und deshalb der Kauf veganer Produkte den Fleischkonsum stabilisiert, ist zwar ein bisschen weit hergeholt, aber lässt sich auch nie wirklich ausschließen. Wer auf Direktvermarktung steht, also die anonymen Zwischensphären von marktförmiger Produktion und Konsum verkürzt, kann schon eher den Überblick über die Folgen des Handelns gewinnen und dann auch politisch steuern. Einigermaßen sicher kann sein, wer in einen Container steigt und das Essen da rausholt. Er/sie entlastet nur noch die Mülldeponien und vielleicht auch die Müllgebühren des Supermarktes (was um drei Ecken wieder einen Schlachthof oder Tierhaltungsbetrieb fördern kann!). Eine Wirkung auf Nutztiere entsteht nicht mehr -endlich, immerhin ein Weg. Nur die Maden im Container werden protestieren - aber nicht gefragt. Die neutrale Wirkung des Containers ist unabhängig davon, ob er, sie oder es da Kartoffelchips oder Würstchen rausholt. In der realen Wirkung auf Tiere ist das bluttriefende Medium-Steak aus dem Container deutlich veganer als die Erbsen aus dem Laden - weil es auf die Wirkungen auf Tiere ankommt, nicht auf den äußeren Schein!

So ist Ökologie - komplex und nur erfassbar mit einem aufmerksamen, durchdringenden Blick, der nicht nur VeganerInnen oft fehlt, sondern auch VerkehrsplanerInnen, TümpelfanatikerInnen, JägerInnen und den vielen Rumpfuschern in der Natur, die oft nur ihr Projekt, aber nicht das gesamte komplexe Gefüge der Natur sehen. Für VeganerInnen ergibt sich aus dem ökologischen Blick etwas scheinbar Verheerendes: Es gibt keine vegane Ernährung, denn alles hat Wirkungen auch auf Tiere. Nur wer komplexe Wirkungsgefüge gar nicht oder nur sehr oberflächlich anguckt, verfällt in den Irrtum, mensch könnte so essen, dass Tiere nicht getötet, verdrängt oder ausgebeutet werden. Damit fühlt mensch sich vielleicht besser, aber das geht auch mit dem Glauben an den Weihnachtsmann. Alles wirkt sich aus - und jede Konsumentscheidung des Menschen zu einem Verhalten hat Wirkungen, die sich immer auch auf irgendwelche Tiere auswirken. Wie sie sich auswirken, dass ist aber zu beeinflussen - dafür braucht es aber andere «Brillen» als die der veganen Betrachtungsweise.

Der politische Blick

Gegenüber ökologischen Systeme ist das Wirkungsgefüge sozialer Prozesse noch bedeutend komplexer, kommen hier doch zu den hochverästelten Stoffprozessen noch die gedanklich fortgesetzten Wirkungen hinzu. Es gibt kaum noch eine Chance, konkrete Vorhersagen zu machen, welcher Eingriff in das System welche Wirkungen wie und wo hervorruft. Ich nehme ein Beispiel, wo ich viel zu gemacht habe: Strafe. Sie soll ja dem Zurückdrängen unerwünschten Verhaltens dienen, z.B. von Gewalt. Das ist natürlich schon als solchen nicht gerade der Kassenschlager emanzipatorischer Ideen. Aber selbst bei diesem eigentlichen Ziel hapert es. Aufgrund hochkomplexer psychologischer und sozialer Wirkungen erreichen nämlich z.B. die Repressionsbehörden mit ihrer Überwachung und ihren Haftstrafen genau das Gegenteil. Die zunehmenden Straftaten geschehen vor allem dort, wo bestraft wird. Worauf Polizei und Justiz mit härteren Strafen, die Politik mit härteren Gesetzen reagiert, was wieder Gewaltbereitschaft schafft usw. BinärdenkerInnen in hochkomplexen System sind wie Elefanten im Porzellanladen.
Kommen wir wieder zum veganen Leben. Werden in die vegane Praxis neben ökologischen Überlegungen (siehe oben) auch soziale hineingedacht, wird alles noch unüberschaubarer. Wenn ich eine Tierfabrik angreife, kann der Besitzer sauer sein und seinen Frust an den Tieren ablassen - schlecht für die Tiere. Wenn ich dagegen ein gutes Verhältnis zu einem Biobauernhof aufbaue, kann ich vielleicht im zweiten Schritt ein Ende der Tierhaltung bewirken. Beides ist möglich. Aber nicht sicher. Außerdem ist ein Blick auf die Wirkungen lohnenswert, die durch Alternativen geschaffen werden, z.B. im gesamten Komplex der Öl-Industrie, von der Brutalität der Ölförderung über Transport, Raffinerien, Chemieindustrie bis zum Verkehr. Es ist eine politische Bewertung, also nicht allgemeingültig möglich, ob mensch das grauenvoll findet oder wie ein Vergleich mit der Tierindustrie ausfällt (jenseits der Erkenntnis, dass die Sparten an vielen Punkten gar nicht zu trennen sind). Was aber machen die meisten VeganerInnen: Sie plädieren aus voller Überzeugung für den Konsum von Produkten aus der Ölindustrie. Unfaßbar! Das ist binäres Denken, eine nur an einem Punkt abgeleitete Einteilung in Gut und Böse, Falsch und Richtig und die Beschränkung auf direkte Wirkungen statt einem Denken in komplexen ökologischen und sozialen Gefügen.

Was vielen VeganerInnen vorzuwerfen ist, ist nicht ihre Entscheidung, eine bestimmte Sache besonders wichtig zu finden. Wer durch die Augen einer Kuh mehr angesprochen wird als durch die Millionen getöteter, aber gesichtsloser Tiere plus vertriebener und vergifteter Menschen beim Tabakanbau (siehe http://www.alles-ueber-tabak.de/), hat das so entschieden. Das ist nicht zu kritisieren, sondern eine politische Entscheidung im persönlichen Alltag. Wer aber die Frage gar nicht mehr stellt, wer die komplexen Wirkungsgefüge gar nicht mehr durchdringt und mit verkürztem Blick primitive Gut-Böse-Schemata aufstellt, um auf der Basis der eigenen Denkfaulheit andere Menschen zu verteufeln, die dem eigenen Binärmuster nicht entsprechen, der muss sich Kritik gefallen lassen. Binäres Denken in Schwarz-Weiß, Gut-Böse, d.h. nur in direkten Wirkungen, aber nicht in komplexen Wirkungsgefügen, prägt die heutige Gesellschaft überall: Terror ist die Folge von Islamismus oder von Ausbeutung (je nachdem, welche BinärdenkerInnen grad ihre verkürzten Wahrheiten daherpredigen), Arbeitslosigkeit ist die Folge von Faulheit oder des Finanzkapitals (auch hier je nach BinärdenkerIn unterschiedlich, aber eben immer binär) usw.
Emanzipatorische Politik dagegen bedeutet erstens das Denken vom Menschen her und zweitens innerhalb komplexer ökologischer und sozialer Gefüge. Die meisten veganen Theorien und Parolen sind davon ebenso weit entfernt wie viele andere politische Theorien der Jetztzeit. Wo Antifas nur Stiefelnazis jagen und die faschistoiden Tendenzen in der Breite der Gesellschaft übersehen oder zu anstrengend als Ziel von Protest empfinden, ist ihr Blilck reichlich eingeschränkt. Wo sie sogar mehr Polizei und Knast gegen Nazis fordern, übersehen sie die soziale Komplexität und fordern, da autoritäre Rahmenbedingungen eher Faschismus fördern, am Ende sogar mehr Nazis. Wo modernisierte UmweltschützerInnen mit Windrädern auf den Augen nur noch immer neue und größere Anlagen fordern, verpassen sie die Chance, gleich mehreres zu schaffen: Anderen Energiequellen, aber auch umweltgerecht hergestellt, die Energie umweltfreundliche verteilt (zu den Offshore-Windanlagen im Meer müssen jetzt riesige Hochspannungstrassen gebaut werden!) und schließlich eine Veränderung der Eigentumsverhältnisse an Energieanlagen. Doch die modernen Ökos schaffen auch nur eine Ecke des Denkens und handeln binär. Und so machen es viele ...
Notwendig sind stattdessen Ansätze, die viel mehr berücksichtigen, die eben ökologische und soziale Konzepte und Ideen sind in der Komplexität, die diese Begriffe darstellen. Die politischen Ziele des Veganismus sind dann nicht nur weiter möglich, sondern endlich voranzubringen. Denn bisher ist der heldInnenhafte Einsatz für Tiere mehr eine Projektion veganer AktivistInnen und fällt spätestens bei nächsten Aldi-Besuch angesichts der Tiermassaker auf den Äckern wie ein Kartenhaus zusammen.

Was folgt?

Natur und Gesellschaft sind hochkomplex. Mit einfachen Logiken lassen sich weder Kriege noch Ausbeutung noch die Unterdrückung von Tieren erklären. Wer daraus schließt, es wäre umsonst, überhaupt im Alltag Politik umzusetzen, zeigt Denkfaulheit. Nein - das Gegenteil ist der Fall. Nicht die Ohnmacht des «Was-soll-ich-denn-dann-noch-machen» oder das von den TheoretikerInnen gerne als Entschuldigung für das Weiter-so formulierte «Es-gibt-nichts-Richtiges-im-Falschen» folgt aus all den Überlegungen, sondern der überzeugte Aufruf: Der Kopf ist zum Denken da! Los, lass ihn uns nutzen - immer weiter Fragen stellen, Wissen sammeln, ausprobieren, wieder hinterfragen, reflektieren, Neues suchen und noch was Neues ausprobieren, sich austauschen, lernen, neue Ideen, wieder ausprobieren usw. Das ist Leben, kreatives Denken, kritisches Hinterfragen, Entwerfen neuer Ideen und Lösungen und das Ausprobieren mit Überprüfung und Weiterentwicklung ist Leben!
Denn etwas komplex ist, heißt doch nur, dass wir mehr Gehirnzellen aktivieren müssen, um es zu hinterfragen, zu analysieren und Handlungsstrategien zu entwerfen (die wiederum zu hinterfragen, weiterzuentwickeln sind usw.). Da klingt anstrengend, und es ist anstrengender als das am binären Denken ausgerichtete Leben, aber ich will genau so leben und auch dafür werben: Leben heißt sich entfalten. Der Kopf gehört dazu. Beim Musizieren, Verschönern von Gerichtsgebäuden, beim Vögeln, der Ausstattung der Wohnung oder der Planung eines Urlaubes geht es doch auch nicht nur um das Durchziehen der einfachst denkbaren Variante, oder? (Na gut, viele gehen da wohl auch so vor ...). Warum also sollten wir nicht das Organ kräftig benutzen, dass sich in der Evolution bemerkenswert stark entwickelt hat - das Gehirn ... entdecke die Möglichkeiten:

  • Es gibt nicht den richtigen Weg, denn aufgrund der Komplexität von Leben und Gesellschaft ist nie vorhersehbar, was genau wie wirkt. Was Menschen steuern können, ist aber trotzdem viel. Trainiert werden muss der hinterfragende Blick und das kreative Denken: Was sind meine Ziele? Wie genau sehe ich hin und versuche, die Wirkungsketten zu durchschauen? Welche Handlungsmöglichkeiten habe ich? Überprüfe ich das, was das Handeln bewirkt?
  • Kein Mensch ist aber den Rahmenbedingungen hilflos ausgeliefert. Sie lassen sich auch verändern. So können Wirkungsketten verkürzt werden, z.B. die schon benannte Direktvermarktung, das Wirtschaften in freier Vereinbarung statt über einen anonymen Markt. Damit ist nicht Tausch gemeint, der selbst weiterhin binär ist (1:1-Handel), sondern ein schon komplexes, aber nicht anonymisiertes Geflecht von Konsum und Produktion, wo Transparenz herstellbar ist und Vereinbarungen getroffenen werden können, die das Geschehen für alle nachvollziehbar verändern.
  • Kein Mensch muss allein handeln. Wirkungen lassen sich potenzieren, wenn Kooperationen entstehen.
  • Am Ende steht der politische Alltag - das Leben mit Blick auf die Rahmenbedingungen, das Veränderungspotential in ihnen und die eigenen Handlungsmöglichkeiten ist in allen Bereichen spannend, innovativ, von gesellschaftlicher Sprengkraft.
  • Es gibt nichts Richtiges im Falschen. Schon weil alles hochkomplex ist, kann es gar kein richtiges Leben geben. Zudem reicht die Kraft eines Menschen und die Zeit eines Lebens nicht, um all das zu verändern, was nötig wäre, um nicht immer wieder ungewollte Wirkungen zu übersehen oder durch äußere Umstände zu ihnen gezwungen zu sein. Aber wer hinguckt und aktiv analysiert und steuert, beginnt die Veränderung die Ausweitung der Handlungsmöglichkeiten. Es wird weniger falsch im Falschen - und die Reibung am Umfeld, das Scheitern und Neuprobieren, das ist politische Aktion! Dynamischer als Flugblätter und Demos, aber damit verbindbar!
  • Und schließlich soll der Kreis geschlossen werden: Ich behaupte, dass die vielen Menschen, die in politische Gruppen enthusiastisch eintreten, um nach einiger Zeit geräuschlos aus ihnen in die Normalität zurückzukehren, etwas damit zu tun hat, dass binäre Muster die politische Bewegung prägen. Dass unzufriedene Menschen so unreflektiert zu Linksruck, Attac, Linkspartei, Antifa- oder eben veganen Gruppen kommen, hat oft den gleichen Grund wie ihr späterer Ausstieg: Nämlich die Orientierung an einfachen Parolen und Positionen. Politische Bewegung aber muss ein Ort werden, der nicht nur eine emanzipatorische, d.h. auch komplexe Forderungen einbringt, Projekte startet und Visionen diskutiert, sondern an dem Menschen auch selbst lernen, die Welt als komplexen, offenen Raum zu begreifen, in dem sich kritisches Hingucken und Hinterfragen, kreatives Entwerfen und Ausprobieren lohnt. Wer das gelernt hat, ist kaum noch sozialisierbar in den binären Logiken der Normalgesellschaft mit ihren Zwängen und Schemata. Das wäre das Ziel!

  • Hi, meine auch das viele Veganer konsequenterweise auch mehr auf Umweltaspekte achten sollten, und zB ob für die Bananen einige Trockennasenaffen (auch genannt Menschen) knöcheltief und schwanger in Pestizidpfützen waten mussten. Allerdings hat der Verfasser hier noch nie was von biovegan und permakultur gehört, jedenfalls scheint es so. Eine Berücksichtigung dieser veganen Strömung wäre passend und sinnvoll (Link: http://www.biovegan.org ). Das allein durch Fleisch/Milch/Ei Vermeidung die eigene Ökobilanz auch bei konventioneller Anbauweise stark verbessert wird, ist m.E. auch Fakt, aber darauf ausruhen sollte man sich nicht!
    Gruß, Luzido

  • Hi, Jörg.

Deine Kritik weist in der Tat auf eine Gefahr unter Veganern hin, sich auf Fleisch-Milch-Eier-Leder-Wolle-Verzicht auszuruhen und sich so wahnsinnig elitär zu fühlen. Sicherlich gibt es solche Leute. Ich persönlich allerdings habe diese Sorte Veganer bislang nicht kennen gelernt.
Ich bin der Meinung, dass die ganz überwiegende Zahl derjeniger, die sich aus zunächst eindimensionalen Gründen (sei es Tierschutz, Gesundheit, Umweltschutz o.ä.) für vegane Lebensweise entscheidet, mit der Zeit und mit wachsendem Interesse die relevanten Zusammenhänge und mit ihnen neue Handlungsstrategien begreifen lernt. Die mir bekannten veganer setzen sich sehr wohl mit der ökologischen Dimension ihrer eigenen Existenz, ihres eigenen Mensch-seins auseinander. Auch in den zu verfolgenden Diskussionen im Internet findet sich kaum ein Veganer, der seine Entscheidung, vegan zu leben, nicht in einen zumindest ansatzweise systemisch befundeten Sachzusammenhang setzen kann.
Aber natürlich: Vegan zu leben bedeutet, sich und sein Bild von sich selbst in seiner Mitwelt zu entwickeln. Nach und nach zu erfassen, was das eigentlich heißt: "Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will."
Das ist ein Prozess, dessen Abschluss ich z.B. von einem 18-jährigen nicht erwarte. Aber ein jugendlicher, radikaler, zunächst vielleicht eindimenional begründeter Entschluss kann ein ungeheuer wichtiger Schritt in die richtige Richtung sein.

Deine Kritik jedoch ist dahingehend angebracht, denn die Gefahr der Beibehaltung einer "binären Logik", mit der man das eigene Handeln zu begründen glaubt, bedeutet NATÜRLICH die Gefahr der frustrierten Rückkehr zum lauen Mainstream.

Aber urteile nicht die Bemühungen ab - und verhöhne sie schon gar nicht! - die ein Mensch unternimmt, wenn er sich aus ethischer Überzeugung eine noch immer ungeheure Entscheidung trifft, nämlich fortan auf Tierisches zu verzichten. - Du stellst Dich in Deinem Artikel zu elitär dar, wenn Du wenig subtil intonierst, dass Du "schon weiter bist" in Deinem Denken.

Immerhin hast Du einen entscheidenden Satz nicht berücksichtigt, während Du das vermeintlich ausweglose Dilemma des veganen Experiments - die Unvermeidbarkeit des destruktiven Existierens - erörtert hast: Das Vermeiden des Vermeidbaren. Dieser simple Satz lässt jedem veganen "Überzeugungstäter" jenen Spielraum seines eigenen Handelns, den er für angemessen hält. Er befreit den "Veganismus" von den Konformitätszwängen einer "-ismus"-Ideologie, indem er die subjektive Bewertung durch seine einzelnen Protagonisten in de Vordergrund stellt. Diese Frage ist die lebenslange Aufforderung zur unumgänglichen Reflexion des eigenen Handelns - in jeder neuen Situation: *WAS ist vermeidbar?!?*

"Veganismus" gibt es meiner Meeinung nach nicht (und wenn, dann nur als nutzlose Ideologie). Es gibt aber die persönliche, immer wieder neu zu treffende Entscheidung zum lebenslangen Experiment der gewaltlosen, veganen Lebensweise.

Gruß

Hinnerk